Von der Freiheit

 

 

 

 

 

 

Manchmal haben wir das Gefühl die Welt bliebe stehen. Und mit ihr die Zeit. Alles schon hundertmal erlebt, abertausende Mal getan. Schon wieder Weihnachten, mit Silvster auf den Fersen. Januarkälte. Februarschnee. Märzhoffnung auf Frühling. Zugleich die Rechnung im Hinterkopf: Nun bleibt noch an Zeit, bis... Meine ganz persönliche Deadline ist der 31. Dezem- ber. Am vergangegen hab' ich - hinter dem Fenster stehend und auf die bun- ten, explodierenden Raketen der Seehafenstadt blickend geschworen: "Es wird das allerletzte Mal sein, dass du hier so stehst!! Ein Jahr lang hast du nun Zeit, dass dir selbst gegebene Versprechen einzulösen, also verschwende keine  Gelegenheit!"

Das habe ich auch nicht getan. Trotzdem eilten die Tage dahin, vergingen die ersten Monate des "neuen" Jahres wie im Fluge. Erschreckend schnell!  Was tun? Besser: Was noch mehr tun? Auf allen Immo-Portalen habe ich längst Suchabos eingerichtet, bin bei ebay aktiv, habe zusätzlich auf Klein-anzeigen (vier !) Suchaufträge eingerichtet, die den ganzen Tag über kon- trolliert werden. Kaufe Zeitungen, stöbere täglich im Internet quer. Erfolg: Objekt knapp zu teuer. Zu häßlich. Zu weit entfernt. Verkäufer antwortet nicht. Oder nur Müll (sind bei Kleinanzeigen manche Veröffentlicher eigent- lich betrunken, während sie posten?).

Es ist hart, nicht aufzugeben. An sich selbst, das Glück und den berühmten "Zufall" zu glauben. Der nie einer ist. Sondern mir "zufallen" soll. Irgend- wann. Eben das ist das Problem. Wann wird das sein? Jede Mail kann die Lösung bringen - alles ist möglich, in jedem Augenblick.  Und bleibt mir doch versagt, scheinbar. Es gibt keine andere Möglichkeit: In diesem Jahr muss die Entscheidung fallen!! Da mein Einkommen 2018 weiter absinken wird. Mein "Lebensarbeitskapital" steckt in meinem Haus. Also stellt sich die Frage gar nicht, was ich will. Oder nicht.

Obwohl ich mein Haus liebe, das ein so besonderes ist. Eine Jakobsmuschel im Hausgiebel trägt, als sei es ein Zeichen. Von dem ich schon bei der ersten Besichtigung das Gefühl hatte: Hier warst du schon!  Das kennst du alles. Jeder Holzbalken ist dir vertraut. Du kennst jede Stufe, die auf der Holztrep- pe knarrt. Drei Kinderzimmer umgeben mich. Mit längst neuen Nutzungen. Trotzdem bleiben sie für mich immer was sie sind/waren. Die Kinderstim- men höre ich noch immer. Poltern auf der Treppe von eiligen Schritten... Der Abschied wird mir nicht leicht fallen. Sind diese Wände doch die Nabel-schnur zur Vergangenheit (m)einer Familie, die es so nie mehr geben kann/ wird. Menschen waren hier, die in meinem Leben eine große Rolle gespielt haben. Aber auch ein Täter. Und gerade das macht es mir (etwas) leichter fortzugehen. Eine (Haus-)Tür wird sich schließen. Eine andere öffnen. Da- ran glaube ich fest. Täte ich es nicht, so würde ich verzweifeln. Eben das darf nicht geschehen!

Zwei Möglichkeiten hatten sich in den letzten Wochen eröffnet, gaben Anlass in ganz neue Richtungen zu denken. Das eine Objekt bei Hamburg, also mit Nähe zu Kids und Enkel. Eine ehemalige Fabrik mit vielen Möglichkeiten. Ich zeichnete schon, skizzierte Räume als Wohnteil, für's Atelier und als Werkstatt. Der Verkäufer hielt mich hin. Ich ahnte: Das wird nicht gut ausgehen... So war es auch, am Sonntag kam die Info: Verkauft! In einem gewissen Sinne war es ein Schock, der mich ziemlich traf, obwohl ich damit gerechnet hatte. Der Verstand sagte: "Es hat nicht sein sollen, das war nicht dein Objekt - du sollst ganz woanders hin, einen ganz anderen Weg gehen!"  Aber das Herz war trotzdem traurig...

Am Samstag war Enkelgeburtstag. Schon fünf Tage vorher war ich regel- recht krank. Eine Entscheidung sollte her. Auch in dieser Richtung.  Immer erhoffe ich Antwort, nie kommt sie auf meine Briefe. Ich ertrage das nicht mehr länger.Und dachte an den klugen Rat, den mein sehr geschätzter Psy- chotherapeut mir einmal gegeben hatte: "Wenn sie mit all' ihren Bemühun- gen keinen Erfolg haben, ihre Geschenke nicht gewertet werden, all' ihre Liebe nicht - warum hören sie dann nicht einfach damit auf, anstatt ihre Aktionen immer noch mehr zu steigern?"(Es ging um meine Mutter). Das hatte mich damals ziemlich kalt erwischt. Weil es nicht das war, was ich hatte hören wollen. Wie es in (guten) Therapien immer ist.

Seit dem vorigen Jahr beschäftigte mich das intensiv. Briefe. Ein kleiner beigelegter Schein. Hoffnung. Auf Antwort. Warten. Bangen. Tage zählen. Dann Wochen. Schweigen. Irgendwann akzeptiert. Traurig. Zutiefst ver- letzt. Mit den uralt verinnerlichten Fragen: Was war falsch? Habe ich ver- kehrt gemacht, gesagt, geschrieben? Ein Monolog. Immer im Kreis. Seit Jahren nun schon. Doch etwas änderte sich in diesem Jahr: Ich schrieb ei- nen ganz anderen Brief. Nämlich, dass es der letzte wäre, wenn keine Reso- nanz käme. Ich das Unverständliche verstehen würde. Und meine Kontakt-versuche einstellen. Heimlich ausgelacht möchte ich nicht werden. Verspottet. Oder mit bösen Worten bedacht. "Klare Kante" wollte ich. "Reinen Tisch machen", wie der Volksmund so schön sagt. Es fielen ein paar Tränen auf das Blatt Papier, das ich in den Umschlag steckte und zur Hauptpost trug. Mit bangem Herzen...

Jede Mailvermeldung öffnete ich danach angespannt. Aber es kam nichts. Außer der Absage für das so heiß erwünschte Objekt, am Sonntag. Mon- tags fuhren wir gen Cuxhaven, um uns dort in der Nähe ein altes, einfaches Haus anzuschauen. Ich ahnte, dass es häßlich sein würde (aber sooo?). Also auch die zweite Hoffnung dahin. Wir suchten uns in Cuxhaven einen kostenlosen Parkplatz und ich freute mich Duhnen wiederzusehen. Früher war ich oft da, jetzt aber seit einem Jahrzehnt nicht mehr. Das Wetter war unbeschreiblich: Der allererste "richtige" Frühlingstag. Knallblauer Him- mel, warmer Wind, ein unendlich weiter Strand. Für Momente war so et- was wie Freude in mir. Ich suchte nach Muscheln, Treibholz, Fotomotiven. Lenkte mich ab von allen schweren Gedanken. Bis "der Große" fragte, wann wir wieder zum Auto gingen? Nach einer knappen Stunde. Hallo?? Inmitten all' der entspannten, fröhlichen Menschen die sich sonnten, bummelten, Kaf- fee an der Promenade tranken. Entäuscht zeigte ich auf den Weg, den wir danach auch gingen.

 

 

                                         

 

 

Ich war sprachlos. Und blieb es während der zweistündigen Heimfahrt. In meinem Kopf brodelte es. Alles zusammen. Mein mit Schweigen beantworte- ter Herzensbrief. Zwei gescheiterte Hoffnungsobjekte. Eine Beziehung die mir manchmal den letzten Nerv raubt.  Ich hatte die Nase voll. Aber endgültig und so richtig! Sagte mir: "Wenn du zu denken wagst, was du noch nie zu denken gewagt hast, was würdest du dann tun?" Das gab mir den Mut z.B. Objekte im Ausland anzuschreiben. Ich könnte so ziemlich überall leben (so denke ich). Und sterben kann man ohnehin überall. Das hätte 2013 bei mei- nem Unfall in der Sierra Nevada z.B. leicht passieren können. Aber es war nicht so. Gott hat in meinem Leben noch irgendetwas mit mir vor. So habe ich danach oft gedacht. Sonst hätte er mich dort verrotten lassen. Da kommt noch was! Doch wenn es nicht eintritt, wird man zunehmend mutloser... Nun bin ich auf einem ganz anderen, neuen, noch ungewohnten Weg. Hab' quer- gedacht. Gefunden, wonach ich nie gesucht hatte. Es hat mich gefunden.

 

"Etwas Besseres als den Tod findest du überall!"

(Bremer Stadtmusikanten)

Nächste Woche besichtige ich zwei Projekte. Ich bin jetzt frei.